Betreff
Erschließung historischer Quellen zur Geschichte des Rhein-Kreises Neuss in westfälischen Archiven
Vorlage
40/037/2009
Art
Bericht

Beschlussvorschlag:

Der Kulturausschuss nimmt den Bericht der Verwaltung zur Kenntnis.

Sachverhalt:

 

Die Erforschung der Geschichte des Rhein-Kreises Neuss wird durch die Tatsache erschwert, dass sich viele schriftliche Primärquellen außerhalb des Kreisgebietes befinden und z. T. kaum zugänglich sind. Dies gilt in besonderem Maße für die Epoche der jüngeren Geschichte zwischen etwa 1500 und 1800. Zur Abhilfe dieses Mangels ist aus den Reihen des Kreistags der folgende Antrag gestellt und beschlossen worden:

 

Von der sprichwörtlichen territorialen Zersplitterung des Deutschen Reiches vor 1789 war das Gebiet des heutigen Rhein-Kreises Neuss nicht ausgenommen. Neben und teilweise in den Anteilen von Kurköln und dem Herzogtum Jülich existierte eine größere Zahl von mehr oder minder selbständigen Herrschaften, Unterherrschaften und Rittersitzen. Gemeinsames Charakteristikum war eine in der Regel häufige Fluktuation der Besitzer im Wege der Erbfolge. Das Hausarchiv mit dem Verwaltungsschriftgut ist gewöhnlich nicht vor Ort verblieben, sondern an neue Wirkungsstätten verbracht worden.

 

Aus diesem Grunde befinden sich heute umfangreichere Bestände der einst hier ansässigen Adelsherrschaften in auswärtigen Archiven oder Privatbesitz. Dies hat naturgemäß dazu geführt, dass diese Quellen bisher weniger beachtet wurden und in der lokalen Geschichtsforschung kaum Berücksichtigung gefunden haben.

 

Nach Umfang und Bedeutung ragt aus dieser Gruppe die Überlieferung der Grafen von Neuenahr und ihrer Nachfolger, der Grafen bzw. Fürsten von Bentheim-Steinfurt und Bentheim-Tecklenburg heraus. Diese Familien verfügten mehrere Jahrhunderte lang auch über Besitz im heutigen Kreisgebiet. Dies gilt namentlich für die Herrschaften Helpenstein, Wevelinghoven, Lievendal und Hackenbroich. Auch durch den Besitz der Herrschaft Bedburg hatten sie Anteil im heutigen Kreisgebiet (u. a. Welchenberg). Außerdem ergeben sich aus dem Schriftgut ständige Bezüge zu anderen Territorialherren des Kreises; dies gilt vor allem für Kurköln und Dyck.

 

Besonderes Interesse dürfen die vorgenannten Archivalien auch deshalb beanspruchen, weil die Grafen von Neuenahr und  Bentheim sehr früh zum Protestantismus konvertiert sind. Die Epoche der konfessionellen Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts  lässt sich dadurch auf lokaler Ebene gut dokumentieren. Aber auch die kriegerischen Auseinandersetzungen, Schul- und Kirchenbauten, Gewerbesachen, die Beziehungen zu Juden, Gerichtsprotokolle, Zehnten und Steuern und vieles mehr finden ihren Niederschlag in den Urkunden und Akten.

 

Die Neuenahr-Bentheimer Archive lagern an drei Orten:

a)                 Staatsarchiv Münster

b)                 Fürstl. Bentheim und Steinfurter Archiv in Burgsteinfurt

c)                  Fürstl. Bentheim-Tecklenburgisches Archiv in Rheda

 

Die Überlieferung deckt schwerpunktmäßig die Zeit zwischen etwa 1550 und 1800 ab, doch reicht die urkundliche Überlieferung teilweise bis ins Hochmittelalter zurück. In allen Archiven sind die (Pergament-) Urkunden von den Akten getrennt gelagert und erfasst. Die bisherige Erschließung ist aber sehr ungleichmäßig. Während von den Urkunden meist Inhaltsbeschreibungen vorliegen, sind die Akten – die quantitativ weit überwiegen – nur summarisch erfasst. Um als Basis für eine spätere geschichtliche Darstellung dienen zu können, ist hier eine detaillierte Erschließung Grundvoraussetzung. Dies ist nur durch eine in den Quellen der frühen Neuzeit versierte wissenschaftliche Kraft zu leisten.

 

 

Nach mehreren intensiven Gesprächen zwischen dem Westfälischen Archivamt in Münster und dem Kreisarchiv Neuss ist die Bearbeitungszeit der umfangreichen Bestände auf ca. 2 Jahre veranschlagt worden. Durch Vermittlung des Archivamtes konnte ein Werkvertrag mit dem seit 1. Februar 2009 in Pension befindlichen Oberarchivrat a. D. Dr. Werner Frese abgeschlossen werden. Für die Gesamtmaßnahme ist danach ein Honorar von 30.000 € vorgesehen.

 

Im ersten Schritt hat Dr. Frese mit seinem Mitarbeiter Thomas Notthoff 13 westfälische Privatarchive (Adelsarchive) besucht und ein Inventar der für den Rhein-Kreis Neuss relevanten Bestände erstellt. Dieses Inventar mit ca. 2.000 Aktentiteln übertraf die Erwartungen an den Umfang und die Reichhaltigkeit der fraglichen Bestände bei weitem. Eine erste Sichtung ergab Betreffe zu mindestens 35 Ortschaften im Kreisgebiet. Weitere sind zu erwarten, sind aber bisher aus den allgemeinen Aktentiteln nicht zu verifizieren.

 

Derzeit befindet sich das Projekt in seiner 2. Phase, nämlich der Detailbearbeitung ausgewählter Bestände. Vereinbart ist zunächst, die Archive Senden, Rheda und Landsberg-Velen zu sichten und je nach Relevanz mehr oder minder ausführliche Inhaltsangaben oder auch Kopien zu erstellen.