Betreff
Antrag der Kreistagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen vom 03.03.2021 für die sofortige Eintrittskostenfreiheit für alle ständigen Sammlungen der Kreismuseen
Vorlage
40/0460/XVII/2021
Art
Antrag

Beschlussempfehlung:

Sachverhalt:

  1. Antrag der Kreistagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen vom 03.03.2021

 

Die Kreistagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen haben für die Sitzung des Finanzausschusses beantragt, der Finanzausschuss möge dem Kreistag empfehlen zu beschließen, die Erhebung der Eintrittskosten für die ständigen Sammlungen der Kreismuseen für das Haushaltsjahr 2021 mit sofortiger Wirkung zu allen Besuchszeiten für alle Menschen aufzuheben (Anlage). Dementsprechend sollen die Ertragssachkonten in den entsprechenden Produkten angepasst werden. Als Begründung wurde u.a. angeführt, dass durch die Kostenfreiheit die Kreismuseen zu einem öffentlichen Raum werden, der allen Menschen zugangsfrei zur Verfügung steht und so von möglichst vielen Menschen in Anspruch genommen werden kann.

 

In der Sitzung des Finanzausschusses am 11.03.2021 wurde der Antrag einstimmig beschlossen und zur weiteren Beratung an den Kulturausschuss verwiesen (Beschluss FI/20210311/Ö6).

 

Freie Eintritte in Museen werden bereits seit längerem kontrovers diskutiert. Befürworter argumentieren mit dem Bildungsauftrag von Museen als öffentliche Einrichtungen, der beinhalte, auch Menschen mit niedrigerem Einkommen oder bildungs- oder kulturfernen Schichten einen Zugang zu ermöglichen. Kritiker weisen meist auf Einnahmeverluste hin, die in der Regel nicht kompensiert werden können. Außerdem wären Hemmschwellen eher die fehlenden niedrigschwelligen Angebote.

 

  1. Kulturzentrum Sinsteden

 

Im Kulturzentrum Sinsteden des Rhein-Kreises Neuss stehen zwei Schwerpunkte gleichberechtigt nebeneinander: international hoch geschätzte, zeitgenössische Skulptur und Landwirtschaft. In zwei Skulpturen-Hallen werden die Werke des Bildhauers Ulrich Rückriem gezeigt, die Maschinen des Landwirtschaftsmuseums befinden sich in einer weiteren großen Halle. Die für Wechselausstellungen und kleinere Veranstaltungen genutzte fränkische Hofanlage beherbergt ebenfalls mehrere Sammlungen.

 

Für diese Einrichtung wurde bereits in der Sitzung des Kreistages am 26.06.2018 wurde eine Änderung der Nutzungs- und Entgeltordnung beschlossen. Seit dem 15.07.2018 wird dort auf die Erhebung des Eintritts in die Ausstellungen verzichtet. Eine Ausnahme bilden Sonderveranstaltungen, für die der Eintritt im Einzelfall mit Aushang bekanntgegeben wird. Hierunter fallen z.B. Blues-Konzerte, Sinstedener Klassik und Lesungen.

 

Mit der Abschaffung des Eintritts sollte das Kulturzentrum Sinsteden damit zu einem frei zugänglichen Ort der Kunst werden. Der Kreis erhoffte sich so einen größeren Besucherzuspruch insbesondere von Menschen, die sonst eher selten oder nie ein Museum besuchen.

 

Zieht man die Besucherzahlen des Kulturzentrums Sinsteden heran, ist diesen zu entnehmen, dass sich durch die Eintrittsfreiheit die Zahl der Besuchenden nicht verändert hat. Die Zahl der Besuchenden des Kulturzentrums Sinsteden sind im Zeitraum von 2017 bis 2019 weitestgehend gleich geblieben (2017: 17.013, 2018: 16.881, 2019: 16.286). 2020 wurde bei der Betrachtung coronabedingt außer Acht gelassen.

 

  1. Kreismuseum Zons

 

Das Kreismuseum Zons ist ein Museum für Angewandte Kunst, Kunsthandwerk und Kulturgeschichte. Einen Schwerpunkt innerhalb dieser Bereiche bilden die Themenkomplexe Jugendstil und Textil. Der regionale Bezug zum Rhein-Kreis Neuss ist ausgehend von den Sammlungen peripher.

 

Dauerhaft in den Räumlichkeiten präsentiert werden in der Regel die Jugendstil-Zinnexponate, das Vergoldewerkzeug der Sammlung Doris und Kurt Lappe, die Wandbehänge des Künstlers Helmut Hahn sowie archäologische Fundstücke aus den Grabungsarbeiten auf dem Burggelände. Daneben werden drei bis sieben Wechsel- bzw. Sonderausstellungen gezeigt. Studioausstellungen werden dabei mitunter mit den ständigen Ausstellungen kombiniert. Für größere oder zusätzliche Ausstellungen werden die Dauerausstellungen zeitweilig abgebaut.

 

·                          Differenzierung Dauer- und Sonderausstellungen

 

Eine räumliche Trennung zwischen Dauer- und Sonderausstellungen ist im Kreismuseum Zons durch die Gegebenheiten des Gebäudes nicht möglich. Zudem ist die räumliche Einteilung in Dauer- und Wechselausstellung nicht statisch, sondern alterniert.

 

Freier Eintritt allein für die ständigen Sammlungen, wie im Antrag der Kreistagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen angeregt, wäre daher nicht oder nur mit einem zusätzlichen personellen Aufwand bei der Bewachung umzusetzen.

 

· Eintritte und Ermäßigungen

 

Grundsätzlich ist es ein Ziel des Hauses, ein Museum zu sein, in welchem sich Menschen aller Altersklassen und mit jedem Bildungshintergrund wohlfühlen. Um Besucherinnen und Besuchern diese Möglichkeit zu bieten und finanzielle Barrieren zu umgehen, gibt es bereits eine Preisdifferenzierung und Reihe von Angeboten.

 

Der Eintritt für Erwachsene in das Museum beträgt regulär 4 Euro. Kinder, Jugendliche, Inhaber der Juleica (Jugendleiterausweis), Ehrenamtskarteninhaber und Schwerbehinderte zahlen 1,50 Euro sowie Familien 7 Euro. Der Preis einer Jahreskarte beträgt 24 Euro, der einer Familienjahreskarte 30 Euro. Der Preis für museumspädagogische Führungen beträgt einen Euro, für die Fahrt mit dem Museumsbus 2 Euro.

 

Bei Vorlage der Familienkarte ermäßigt sich der Eintritt für Kinder und Jugendliche auf 1,00 Euro sowie für Familien auf 6 Euro. Freien Eintritt in das Museum haben Kinder bis 6 Jahre, Mitglieder des Deutschen Museumsbundes, Mitglieder des Internationalen Museumsverbandes (ICOM) und Mitglieder des Vereins der Freunde und Förderer des Kreismuseums Zons.

 

Ferner bietet das Kreismuseum Zons seit dem Jahr 2011 jeden Mittwoch und jeden ersten Samstag freien Eintritt für alle Bewohnerinnen und Bewohner des Rhein-Kreises Neuss. Daneben sponsert der Förderverein des Museums jeden Freitag im November den Eintritt für alle Besuchenden. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Sondertage mit freiem Eintritt (Internationaler Museumstag, Drehorgelfestival, Tag des offenen Denkmals usw., Familientage) sowie Sonderaktionen mit kostenlosem oder reduziertem Eintritt (Zwergentage, Ententage, Zipfelmützentage etc.).

 

·                          Mehraufwand bei Verzicht auf Eintrittseinnahmen in die Ausstellungen

 

Der voraussichtliche Einnahmeverlust bei einem Einnahmeverzicht auf den Eintritt für die Dauer- und Sonderausstellungen beläuft sich bei Betrachtung der Jahre 2017 – 2019 auf rund 10.000 €.

 

Zu berücksichtigen ist ferner, dass selbst bei einer Eintrittsfreiheit in das Kreismuseum aufgrund der versicherungsrechtlichen Regelungen weiterhin eine Aufsicht für die Ausstellungen zu stellen ist. Auch der Eingangsbereich müsste für den Shop besetzt sein, so dass für den Rhein-Kreis Neuss kein Personal eingespart werden kann.

 

Sollte ein Verzicht auf den Eintritt wie im Antrag der Kreistagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen nur zeitweise – für 2021- vorgesehen werden, kann die Wiedereinführung des Eintritts zu einem deutlichen Rückgang der Besuchszahlen führen.

 

  1. Sachstand und aktuelle Entwicklungen zum Thema

 

Die Erfahrungen zeigen, dass an Tagen mit freiem Eintritt ohne zusätzliches Programm keine oder kaum andere Besuchergruppen kommen als gewöhnlich. Es ist zu vermuten, dass das bereits kulturaffine Publikum durch den freien Eintritt zu Mehrfachbesuchen animiert wird und ggf. auch bei einer Eintrittspflicht gekommen wäre.

 

Dieses Verhalten korrespondiert mit zahlreichen Studien, die bezüglich des Themas gemacht worden sind. So wird etwa im Fazit zur Besucherstudie im Museum Folkwang angemerkt: "Nach wie vor dominierte das eher ältere und zu über 80 % akademisch gebildete Publikum, die Zugewinne bezogen sich primär auf junge Menschen mit Abitur bzw. Hochschulabschluss aus der Region. Die klassische bildungsbürgerliche Klientel des Museums änderte sich also strukturell nicht. Die Einführung des kostenfreien Eintritts bedeutete zwar den Wegfall einer Zugangsbarriere, andere wichtige Hemmnisse bleiben jedoch bestehen."

 

Auch die in Auftrag gegebene Studie zur Evaluation des freien Eintritts in Dauerausstellungen für die baden-württembergischen Landesmuseen und das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe in 2019 zeigt, dass der freie Eintritt in Museen keine allgemeingültige Lösung ist, um mehr Menschen bzw. Nicht-Besucher anzusprechen.

 

Es wurde festgestellt, dass in manchen Museen das Stammpublikum häufiger kam und sich junge Besucherinnen und Besucher angesprochen fühlten. Personen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen oder grundsätzlichem Desinteresse an Museen konnten hingegen durch den freien Museumseintritt kaum erreicht werden.

 

Als mögliches Instrument zur Öffnung der Museen ist der freie Eintritt damit stark differenziert zu betrachten. Oft gibt es kurzfristige Effekte einer Steigerung der Besucherzahlen, nicht nachweisen lässt sich jedoch eine grundlegende Veränderung der Besucherstruktur.

 

Studienergebnisse zeigten ferner, dass zudem Einnahmen im Museumsshop und Café in den untersuchten Museen mit freiem Eintritt geringer waren als in vergleichbaren eintrittspflichtigen Museen.

 

Das Fazit der Studie war, dass freier Eintritt ins Museum nicht als einheitliche Lösung gelten kann, um grundsätzlich mehr Besuchende anzulocken. Museen müssen die Bedürfnisse und Erwartungen ihrer Zielgruppen analysieren, um anhand dieser Ergebnisse individuelle Angebote für die eigene Institution zu entwickeln. Dies kann bei jedem Museum anders ausfallen.

 

  1. Bewertung

 

Es ist wichtig, neben der Möglichkeit der Eintrittsfreiheit weitere Faktoren zur Analyse der Bedürfnisse und Erwartungen, z.B. zeitgemäße Vermittlungsangebote, besuchergerechte Öffnungszeiten, die Erreichbarkeit des Museums, die Infrastruktur der Einrichtung oder auch die Berücksichtigung des persönlichen Zeitbudgets der Besuchenden, in die Betrachtung miteinzubeziehen.

 

Letztlich ist nicht der Eintritt die Barriere, die Personen aus bildungsfernem Milieu davon abhält ins Museum zu kommen, sondern vielmehr ein vermeintliches Desinteresse oder die Angst, sich falsch zu benehmen oder zugeben zu müssen, dass man etwas nicht versteht. Um Museen zu einem Ort für jedermann zu machen, sollte daher ein anderer Ansatz gewählt werden.

 

Aus diesem Grund wird vorgeschlagen, die Themen Vermittlung, Teilhabe und kulturelle Bildung stärker in den Fokus zu rücken und die bestehenden musealen Angebote für Kinder und Jugendliche auszuweiten, um Hemmschwellen und Vorurteile bezüglich Kunst und Kultur abzubauen. Durch eine Investition in Bildung und Kommunikation für diese Besuchergruppen könnten langfristig neue Besuchergruppen erreicht werden.

 

Das Thema der Eintrittsfreiheit und des niedrigschwelligen Zugangs in kulturelle Einrichtungen könnte bei der Erarbeitung des interkommunalen Kulturentwicklungsplans für den Rhein-Kreis Neuss aufgegriffen und im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung erörtert werden. Das Ergebnis sollte abgewartet und dann als Grundlage für eine Entscheidung über die Eintrittsfreiheit in das Kreismuseum Zons herangezogen werden.